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Die guten Schafe und Amazon

Die Aufschrei-Debatte ist schon wieder abgeklungen und ich dachte sie wären verschwunden – doch da sind sie wieder – die Schafe, die Mediengetriebenen, die Spielbälle.

Es ist sehr interessant zu beobachten, wie die Berichterstattung der Medien die öffentliche Meinung, Diskussion und Bewegung beeinflusst – ganz wie der Hirtenhund die Schafsherde. Und doch wirkt nicht jeder Bericht gleich. Woran liegt das? Wer oder was sorgt dafür, dass der eine Bericht so viel besser anschlägt, als der andere?

 

Ein kleiner Rückblick….

Amazon nutzt (wie in Deutschland üblich) Leiharbeitsfirmen, um schnell und einfach Nachfragespitzen bewältigen zu können. Es stellt sich heraus, dass diese Firmen ihre Mitarbeiter sehr unschön behandeln.
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Folge: Große Empörung gegenüber Amazon, die ihre Subkontraktoren (!) scheinbar nicht weiter kontrollieren.

Apple’s Zulieferer sorgen seit Jahren dafür, dass ihre Mitarbeiter wie Sklaven behandelt werden, entweder in der Fabrik sterben oder sich einfach selbst umbringen.
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Folge: Apple? Das sind doch die mit den tollen Telefonen. Das will ich!

Kik, Zara, GAP, Aldi, Lidl, usw. lassen ihre Produkte von Subkontraktoren zuliefern, die Menschen wie Tiere halten und ausbeuten.
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Folge: ?

Rainer Brüderle äußert sich im Privaten angetrunken unglücklich gegenüber einer Freundin/Reporterin.
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Folge: Sehr großer Aufschrei.

Dieter Bohlen bezeichnet eine DSDS-Kandidatin nüchtern, öffentlich, mehrfach als Schlampe.
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Folge: Who cares?

 

Analyse

Was führt dazu, dass ähnliche Sachverhalte so unterschiedlich diskutiert werden? Wieso werden große Petitionen gegen in Deutschland übliche Geschäftspraktiken gestartet und gleichzeitig weitaus schlimmere Situationen kommentarlos geduldet?

An dieser Stelle möchte ich kurz zwei Begriffe platzieren:

  • „Nachrichtenfaktoren“ und
  • „Agenda Setting“

Nachrichtenfaktoren sind die Faktoren, die dafür sorgen, dass ein Thema für die Medien überhaupt relevant wird. Hierzu möchte ich kurz auf eine entsprechende Übersicht von Eilders (2006) verweisen (siehe hier).
Hinsichtlich der obigen Beispiele ist es bspw. von Bedeutung, dass sich das Geschehen um Amazon in Deutschland (= „elite-nation“) abspielt, während Apple’s Geschichte irgendwo, weit, weit weg spielt.
Bei Brüderle waren wohl vor allem die zeitliche Nähe (= „proximity“) von seiner Ernennung zum FDP-Spitzenkandidaten und die Kontroverse (= „controversy“) relevant. Dieter Bohlen ist zwar auch eine prominente Persönlichkeit (= „prominence“), von ihm erwartet man aber derartiges Verhalten. Bei einem Politiker hingegen ist der Kontrast stärker und die Nachricht somit wert.

Agenda Setting (siehe hier) bezeichnet die Themen- und Schwerpunktsetzung der Berichterstattung in den Medien. Sie basiert insbesondere auf dem Gedanken von Bernard C. Cohen (1963), dass die Medien nicht direkt (auch hier gibt es Ausnahmen) beeinflussen, wie wir Konsumenten denken, sehr wohl aber worüber wir uns Gedanken machen. Das „worüber“ basiert dann natürlich wieder auf den obigen Nachrichtenfaktoren.
Unter’m Strich: Was sich verkauft wird ganz oben auf die Agenda gesetzt.

 

Und dann sind sie wieder da – die Schäfchen, die sich vor den Karren der Medien spannen lassen, unwissend ihre Rolle spielen und das Thema nach vorne treiben.
So funktioniert die Welt der Kommunikation ;) (zumindest war das ein klitzeklitzekleiner Einblick).

 

Hinweis

Dies alles bedeutet zwar nicht, dass die jeweiligen Themen nicht wichtig wären, durchaus aber, dass unsere Gesellschaft im Zweifel sehr stark von einigen Wenigen manipuliert werden kann. Dies ist sehr gefährlich (siehe dt. Historie), weshalb es sicherlich nicht schadet, hierüber immer mal wieder nachzudenken.

Also: Hinschauen, umfassend informieren und immer darüber nachdenken, wieso gerade dieses Thema so im Fokus steht.

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Jens KürschnerMarineBMatthias Lugert Recent comment authors
MarineB
MarineB

Interessant ist ja, dass nach Ausstrahlung des Beitrags die Amazon-Seite auf Facebook über 10.000 neue Fans generiert hatte. Möglicherweise wollte die Mehrheit dieser „Fans“ Amazon eigentlich disliken, dazu fehlt aber die technische Möglichkeit seitens Facebook. Der Reputationsschaden wird vorübergehend sein. Was bleibt, sind die 10.000 neuen Fans. Und im nächsten Vorweihnachtsgeschäft wird die aktuelle Kritik vergessen sein.

Matthias Lugert
Matthias Lugert

Hi Jens und hallo liebe Leser. Erst einmal, gut geschrieben. Sich das beschriebene mal durch den Kopf gehen lassen ist sehr gut – immer gut wenn man sensibilisiert ist. Da der Beitrag ja unserer Diskussion von letzter Woche entspringt möchte ich meine Ansicht dazu nicht vorenthalten: – Ich verachte die Geschäftspraktiken von Amazons Subkontraktoren und bin der Überzeugung, dass ich den mächtigsten Onlineversandhandel dafür verantwortlich machen muss. Nicht unbedingt weil er in erster Linie und direkt Schuld ist, sondern weil er seine Subkontraktoren voll und ganz kontrollieren kann (bzw. in der Hand) hat und der einzige ist, der die Bedingungen… mehr »