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6 Dinge, die mir mein BWL Studium wirklich gebracht hat

Dieser Beitrag bezieht sich im Wesentlichen auf einen Artikel auf Spiegel Online mit dem Titel „BWL nützt gar nichts“ (hier nachzulesen).
Dieser berichtet unter anderem davon, dass ein klassisches BWL-Studium aus Sicht eines Unternehmensgründers „herzlich wenig“ bringt.

Nun muss ich vorab sagen, dass der Autor des Artikels an einer sehr großen Universität, der Uni Hannover, studiert hat – und dies noch dazu mit Diplomabschluss. Entsprechend sind seine Erfahrungen möglicherweise mit meinen nicht vergleichbar, meine aber dafür aktueller. Darüber hinaus hat er natürlich recht, wenn er sagt, dass ihm das Studium nur wenig für die Gründung nötiges Fachwissen vermittelt hat. Ein BWL-Studium ist aber mehr und da die Diskussion in Foren, auf Twitter und Co eher in die Richtung „ich muss ja gar nicht studieren“ geht, dieser Beitrag. Ich kritisiere daher auch nicht den obigen Artikel, sondern den Umgang damit. Dies ist vor allem für Personen, wie ich eine war, sehr gefährlich. Am Ende der Schulzeit ist man davon überzeugt, dass man die Welt regieren kann und hat teilweise vielleicht sogar schon große Projekte und kleine unternehmerische Tätigkeiten auf die Beine gestellt. Rückblickend kann ich mich hier aber nur belächeln und mir zurufen: „Junge, werd‘ erst einmal erwachsen!“

An diese potenziell zukünftigen Studenten richte ich diesen Artikel.

Ich selbst habe BWL aus Interesse an Wirtschaft und Management studiert. Später kamen noch die Vorlieben für Entrepreneurship und Marketing hinzu. Darüber hinaus beziehen sich meine Erfahrungen in erster Linie auf Campus-Unis. Wer andere Ziele verfolgt oder an anderen Unis studiert, wird möglicherweise nicht meine Erfahrungen sammeln können. Dies trifft bspw. auf Personen zu, die noch zuhause bei ihren Eltern wohnen und nur nebenbei die örtliche Universität besuchen, die noch dazu keinen Campus besitzt. Hiervon rate ich im Übrigen stets ab. Zusätzlich ist anzumerken, dass man natürlich proaktiv außeruniversitär Engagement zeigen muss, um sich entsprechend entwickeln zu können.

So viel zu den Hintergründen. Meine Top 6 Dinge, die mir mein BWL Studium wirklich gebracht hat und auch gerade für Unternehmensgründer relevant sind:

 

1. Persönliche implizite fachliche Weiterentwicklung

Wer Wirtschaft studiert lernt nicht nur Fakten und Theorien zu relevanten Themen, sondern fügt sich implizit in dieses Universum ein. Dies gilt natürlich nicht nur für BWL, sondern auch für alle anderen Studiengänge. Am ehesten mag man das sicherlich an der Kleidung erkennen. Der Effekt lässt sich auch wissenschaftlich ganz gut erklären (siehe etwa hier oder in Ansätzen auch hier). Personen passen sich sozialen Gruppen an – in ihrem Auftreten, Aussehen, aber vor allem auch den Gedanken. Hinzu kommt, dass man in Klausuren zwar den harten Stoff lernt, nebenbei unbewusst aber etwas viel wichtigeres lernt – nämlich wie man über wirtschaftliche Fragestellungen nachdenkt. Da all diese Effekte unterbewusst ablaufen, ist es oft schwer sich darüber bewusst zu werden. Fakt ist aber, dass jemand mit 5-6 Jahren BWL-Studium die Welt mit anderen Augen sieht, als jemand der in diesen Jahren Theater studiert oder gearbeitet hat. Der BWL-Student sieht in der Regel vor allem die wirtschaftlichen Zusammenhänge auf Mikro- und Makro-Ebene.

Dies ist auch für alle späteren Fragestellungen relevant. Auch wenn man nicht konkret gelernt hat, wie man mit Problem XYZ umgeht, so geht man die Sache implizit doch anders an. Und darum geht es letzten Endes! Auf konkrete Probleme vorbereitet zu werden kommt dem hilflosen Studenten oft sinnvoller vor – wer aber in der Zukunft Innovationen schaffen möchte oder auch „einfach nur“ ein Unternehmen führt, muss immer wieder mit Problemen zurecht kommen, die in keinem Lehrbuch stehen. Hier hilft dieser implizit erlernte Umgang mit Wirtschaft und das ist eine der Ideen des deutschen BWL-Studiensystems (bspw. im Vergleich mit einem US-MBA).

 

2. Persönliches Wachstum und Reife

Das Studium ist eine gute Möglichkeit auch neben der fachlichen Seite weiter zu wachsen und schlichtweg älter zu werden. Man mag es oft nicht glauben, aber es ist durchaus etwas dran, wenn jemand von „Lebenserfahrung“ spricht. Gerade durch ein Universitätsstudium (trotz Bachelor) muss man lernen, sich um viele Sachen selbst zu kümmern. Man hat eben keine geregelte Woche mit 40 Stunden Arbeit und Wochenende, sondern ist 24/7/365 Student. Was man in dieser Zeit tut, dafür ist man selbst verantwortlich und diese Verantwortung lässt einen erneut wachsen, lernen und begreifen. 

Wer älter und reifer ist, wird am Ende auch erst ernst genommen. Gerade als Gründer muss man mit vielen externen Parteien kommunizieren und verhandeln. Wem man sein junges Alter hierbei ansieht oder anmerkt, der wird in der Regel auch so behandelt. Dies ist im Übrigen auch ein großes Problem für hochbegabte Kinder, die mit 14 Jahren schon ihr Abitur absolvieren.

 

3. Netzwerk

Im Studium knüpft man nicht nur viele Freundschaften zu Personen mit ähnlichen Interessen, sondern baut sich auch ein nachhaltiges Netzwerk auf, welches gerade im weiteren Lebensverlauf von enormen Vorteil sein kann. Natürlich kann man sich sein Netzwerk auch über Workshops und diverse Conventions aufbauen. Nichtsdestotrotz sind gerade freundschaftliche Bindungen während einem Studium deutlich verlässlicher. Auch hat man im Studium (je nach Uni und Eigeninitiative) eher die Möglichkeit auch fachfremde Experten kennenzulernen. Der Biochemiker von nebenan könnte die treibende Idee für die Multimillionengründung liefern ;).

 

4. Praxiserfahrung durch Nebentätigkeiten, die man gefahrlos ausprobieren kann

Auch im Studium kann (und sollte) man Praxiserfahrung sammeln. Nicht nur durch Praktika, sondern vor allem auch durch Tätigkeiten neben dem Studium. Hierbei ist natürlich wieder sehr viel Eigeninitiative gefragt, die aber wiederum den Charakter schärft. Der Vorteil des Studiums besteht darin, dass man einfach mal 4 Gründungsideen ausprobieren kann, ohne großen Druck von Außen zu verspüren. Im Zweifel ist man ja immerhin Student und weder Arbeitnehmer, noch Gründer. Wer direkt nach seiner Schulzeit Full-Time ein Unternehmen gründet muss im Grunde erfolgreich sein – immerhin ist er ja hauptberuflich Gründer.

An dieser Stelle sei auch der Tipp gegeben, diese Freiheiten des Studiums tatsächlich zu nutzen!

 

5. Fachwissen in Spezialisierungen

Am Ende gibt es sie dann doch! Die Veranstaltungen im Studium, die tatsächlich auch praktischen Mehrwert liefern. In der Regel sind dies manche Spezialisierungen im Bachelor-Studium, vor allem aber viele Veranstaltungen eines Masterstudiums. Das Fachwissen, welches man hier erlangt kann am Ende direkt in eine spätere berufliche Tätigkeit eingebracht werden. Durch das Bachelor-Master-System hat man mittlerweile im Übrigen viel bessere Möglichkeiten, sich auf eine Richtung, bzw. konkrete Veranstaltungen zu spezialisieren. Dies ist auch der Vorteil, den der Autor des Ausgangsartikels durch sein Diplomstudium nicht hatte.

 

6. Stück Papier mit Wert

Last but not least besitzt man am Ende ein akademisches Zeugnis, welches enormen Wert aufweist. Dass dieses für eine Anstellung von Vorteil ist, muss wohl nicht näher erläutert werden. Aber auch Gründer benötigen in der Regel ein möglichst hohes und gutes Abschlusszeugnis! Gerade Geldgeber (Banken, VC, …) sind sehr daran interessiert, da sie natürlich gerne die Sicherheit hätten, dass der Gründer auch weiß was er tut. Ein Masterabschluss in BWL ist hierfür sicherlich keine Garantie, aber ein gutes Indiz. Gleichzeitig haben je nach Tätigkeit auch Kunden ein gesteigertes Interesse an diesem Stück Papier. Gerade im Dienstleistungs- und/oder B2B-Bereich gilt ein Uniabschluss immer noch als Qualitätsmerkmal.

 

Für manche Berufe, wie Wirtschaftsprüfer, ist das BWL-Studium fachlich extrem relevant.
Für zahlreiche Einstiegspositionen ist es dies hingegen oft gar nicht – für das Sortieren und Abheften von Einkaufsformularen genügt eigentlich auch eine kaufmännische Ausbildung – wieso Unternehmen trotzdem einen Universitätsabschluss fordern, ist zu hinterfragen.
Für Berufseinstiege in der Unternehmensberatung, in vielen Trainee-Programmen, in Vorstandsassistentenprogrammen oder bei Gründungs(nahen) Tätigkeiten ist das Studium aber wieder enorm wichtig (wie gezeigt) – wenn auch nicht so, wie sich dies sehr viele Kommilitonen naiver weise vorstellen. Es geht eben mehr um die impliziten Erfahrungen, als um harte Fakten, die man auswendig lernt. Es muss auch klar sein, dass man viele Kurse besucht, die eher weniger Spaß machen und deren Sinn man hinterfragen kann. Wäre ein BWL-Studium aber so einfach und spaßig, wie diverse „softe“ Management-Bücher, dann bräuchte man es wirklich nicht ;).

Dass deutsche Universitäten zudem anders ausbilden, als bspw. US-Unis, steht darüber hinaus außer Frage. Vergleichen kann man dies allerdings auch nicht wirklich. Den US-Bachelor halte ich bspw. im Rahmen dieser Diskussion für noch sinnfreier (generell finde ich das System nicht schlecht), das MBA-Studium hingegen in vielen Bereichen (wie Unternehmensgründung) besser geeignet – aber auch nicht in allen. 

Zum Abschluss noch meine Einschätzung zu der Frage „soll ich vielleicht lieber etwas Spezialisierteres studieren“.
Ja, wenn du weißt, dass dir das deutlich mehr Spaß macht, als eine generalistische Ausbildung.
Nein, wenn du darüber aus Karriere- und Entwicklungsaspekten nachdenkst! Zunächst findet man oft während dem Studium erst so richtig die Richtung, mit der man gut zurecht kommt – da kann man sich vorab noch so gut informieren. Darüber hinaus sind in den allermeisten Einstiegspositionen generalistische Kenntnisse von Vorteil. Als kleine Ausnahme würde ich hier lediglich die Finanzbranche sehen – eine frühe Spezialisierung kann sich dort lohnen. Ansonsten sind „Fachidioten“ immer im Nachteil, da sie nicht nach links und rechts schauen können, bzw. auch nicht mit den Personen dort zu kommunizieren wissen. Eine Spezialisierung im Masterstudium kann hingegen aber sehr sinnvoll sein. Schließlich muss man auch sagen, dass man ein spezialisiertes Studium nicht mit „nur tolle und sinnvolle Kurse“ verwechseln darf. Ein schönes Beispiel ist die Informatik (Uni-Studium) – wer denkt, dass er hier jeden Tag lernt zu programmieren, wird sich wundern.

Fazit: Wer vor dem Studium schon sicher weiß, welchen Job (oder welche Gründungsidee) er in 6 Jahren haben wird und zudem sicher ist, dass ein Universitätsabschluss dort völlig unnötig ist, der sollte nicht studieren. Allen anderen kann ich es nur empfehlen, sofern ihnen ein Studium generell zusagt und sie keinen klassischen Ausbildungsberuf ausüben möchten. Das BWL-Studium ist hierbei für alle spannend, die wirtschaftliche Zusammenhänge, Steuern, Marketing, Personal, Logistik, Controlling oder Unternehmertum interessiert. Eine Spezialisierung, die auch in dem Ausgangsartikel empfohlen wird, eignet sich hierbei vor allem im Rahmen eines Masterstudiums. Viel Erfolg!

Kategorie: Entrepreneurship, Life, Nur Deutsch
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6 Dinge, die mir mein BWL Studium wirklich gebracht hat
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Andreas
Andreas

Wie sehen Sie die Thematik Bachelor vs. Master in Bezug auf den Berufseinstieg und auch den späteren Aufstieg im Bereich Marketing? Ich würde gerne mit meinem Bachelor BWL im Gesundheitswesen in die Pharmabranche oder Medizintechnikbranche im Brand-/Produktmanagement einsteigen. Bin jedoch nicht sicher, ob man mit einem Master leichter den Einstieg findet und ob dieser später nötig ist, um bestimmte Positionen zu bekommen. Bin bereits seit 6 Monaten auf Jobsuche. Könnte nun einen generalistischen Management-Master draufsetzen.

Ohmann
Ohmann

Persönlich Reife durch BWL (!!!) Studium…

Jens
Jens

Der Punkt der persönlichen Reife beschränkt sich nicht auf ein BWL Studium, sondern gilt für das Studium und die damit verbundenen Herausforderungen an sich. Wobei ich hier nur für ein klassisches universitäres Studium (keine private Uni) sprechen kann – je nach Hochschule kann sich das etwas anders gestalten. Der Fakt, dass man im Studium einfach älter wird und damit seniorer in den Beruf startet, ist allerdings auch hier ein Vorteil.

Pauline

Vielen Dank für den tollen Artikel! Viel öfter bekommt man Texte gegen ein BWL-Studium zu lesen. Mich ärgert es auch, wenn von einigen behauptet wird, dass all jene BWL studieren, denen sonst nichts einfällt. Es gibt doch genug Menschen, denen BWL und Zahlen einfach liegen, also warum sollte man es nicht studieren? Ich verstehe nicht, weshalb das so abgewertet werden muss. Gerade Ihren 3. Punkt finde ich sehr wichtig. Vitamin B ist doch sehr wichtig in der Geschäftswelt und gerade, wenn man neue Kunden gewinnen möchte.

Marvin
Gerade im Bezug aufs Praktikum bzw. der nebenbei Gründung eines Unternehmens kann ich dir nur zustimmen. Ich habe mich selber neben meinem BWL Studium Slebstsändig gemacht und konnte ziemlich viel Fachwissen, was ich in meinem Studium gelernt habe anwenden. Aber auch die Freiheiten habe ich sehr genommen. Super Artikel jedenfalls! Ich war mir allerdings anfangs auch noch nicht ganz sicher ob ich wirklich BWL studieren sollte, habe mich vorher auf http://bwlstudieren.net über das Studium informiert und muss sagen, jetzt ist es gerade im Bezug auf die Selbstständigkeit das Beste was ich hätte studieren können. Natürlich kann man nicht all sein… mehr »
Maria
Maria

Ich stimme dir da auch absolut zu. Du hast die Aspekte genau auf den Punkt gebracht! Aber in der heutigen Zeit ist es, bei der Fülle an Angeboten, wirklich schwer, den passenden Studiengang zu finden. Hab dazu einen aufschlussreichen Text gefunden : http://www.legalo.eu/blog/de/lifestyle/was-soll-ich-bloss-studieren-ein-studium-test-kann-helfen-2/ .Der kann auch den Leuten helfen, die sich, trotz deiner informativen Aspekte, noch nicht für BWL entschieden haben.

Prof. Dr. Kira Klenke

Danke für diesen Blog-Beitrag. Ja, ich stimme allen Ihren 6 Punkten zu: Persönliche implizite fachliche Weiterentwicklung, Persönliches Wachstum und Reife, Netzwerk, Fachwissen in Spezialisierungen, Stück Papier mit Wert => all das bringt ein Studium – ich selber habe ehrlich gesagt Jahre, Jahrzehnte gebraucht, bis mir selber das (nach dem Studium) erst im Laufe der Zeit klar geworden ist. Es ist schade, dass genau diese Punkte viel zu selten im Studium explizit von den Lehrenden angesprochen und betont werden. LG KK

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